Die ehemalige JVA Magdeburg – Das verlassene Gefängnis, seine Geschichte und dunklen Geheimnisse

Im Herzen von Magdeburg, direkt neben dem Landgericht, steht ein Bauwerk mit bewegter Vergangenheit: die ehemalige Justizvollzugsanstalt Magdeburg (JVA). Über ein Jahrhundert lang diente die JVA Magdeburg als Gefängnis und war Zeuge zahlreicher politischer und gesellschaftlicher Umbrüche – vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis hin zur DDR und schließlich zur Bundesrepublik Deutschland.

Mit der Schließung im Jahr 2013 endete ihre Zeit als Strafanstalt, doch die Spuren der Vergangenheit sind bis heute sichtbar. Verlassene Zellen, vergitterte Fenster und bröckelnde Mauern erzählen von den Schicksalen, die sich hinter diesen Mauern abspielten. Das ehemalige Gefängnis befindet sich im Magdeburger Stadtteil Sudenburg, nahe der Altstadt, und zählt zu den faszinierendsten Lost Places der Ottostadt. Das Gelände der ehemaligen JVA Magdeburg zieht nicht nur Urbexer (Urban Explorer) und Fotografen an, sondern auch Geschichtsinteressierte, die den düsteren Charme dieses besonderen Ortes erkunden wollen.

Außenansicht der JVA Magdeburg

Die Anfänge: Bau und Eröffnung einer modernen Strafanstalt (1892–1905)

Die Geschichte der JVA Magdeburg beginnt in den frühen 1890er-Jahren. Die bestehenden Gefängnisse der Stadt, insbesondere jene am Domplatz, waren veraltet und den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Im Jahr 1892 fiel die Entscheidung, ein neues Justizgebäude mit angeschlossener Haftanstalt zu errichten.

Die Standortwahl gestaltete sich zunächst schwierig, doch schließlich wurde ein geeignetes Grundstück an der Halberstädter Straße 131 gefunden. Dieses wurde 1894 von der Justizbehörde erworben. Bereits 1896 begannen die Planungen, und im Jahr 1903 wurde der Grundstein für das neue Gefängnis gelegt.

Die offizielle Einweihung fand am 2. April 1905 in feierlichem Rahmen statt. Das Gebäude galt als hochmodern: Es besaß eine Hausapotheke, ein eigenes Gefängnislazarett und bald auch eine elektrische Beleuchtung – damals eine Seltenheit. Die ersten Jahre waren geprägt von Inspektionen und kleineren baulichen Anpassungen, um den Betrieb zu optimieren.

Ein Gefängnis im Wandel: Von der Weimarer Republik bis zur NS-Zeit (1918–1945)

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und der Gründung der Weimarer Republik änderten sich auch die Haftbedingungen. Während des politischen Umbruchs stürmten Aufständische im Februar 1919 das Gefängnis, um Insassen zu befreien – ein Zeichen der Unruhen in jener Zeit.

In den 1920er- und frühen 1930er-Jahren war die Anstalt oft überbelegt, und es kam immer wieder zu Fluchtversuchen. 1921 gelang es zwei Häftlingen, über die Mauer des Lazaretts zu entkommen. Ein weiterer spektakulärer Ausbruch ereignete sich 1923, als drei Gefangene durch eine unterirdische Fluchtroute entkamen.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 verschärfte sich die Situation in den Gefängnissen. Politische Gegner, darunter Kommunisten und Sozialdemokraten, wurden verhaftet und in die JVA Magdeburg eingewiesen. Ab 1938 diente die Anstalt auch als Sammelpunkt für jüdische Häftlinge, bevor sie in Konzentrationslager deportiert wurden.

Während des Zweiten Weltkriegs (1939–1945) blieb das Gefängnis in Betrieb, oft stark überbelegt. 1943 befanden sich hier über 1.400 Gefangene, weit mehr als die ursprünglich geplante Kapazität. Unter den Häftlingen waren nun auch Deserteure, Widerstandskämpfer und Kriegsgefangene.

Innenansichten der JVA Magdeburg

Nachkriegszeit: Sowjetisches Militärgefängnis und politische Verfolgung (1945–1953)

Nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945 wurde die JVA Magdeburg in ein sowjetisches Militärgefängnis umgewandelt. Viele deutsche Soldaten und Zivilisten, die von sowjetischen Militärgerichten verurteilt worden waren, saßen hier ein, bevor sie in die Sowjetunion deportiert wurden.

Im Jahr 1949 ging das Gefängnis wieder in deutsche Hände über und wurde fortan als Justizanstalt der DDR genutzt. Doch auch hier wurden politische Gefangene inhaftiert: Regimekritiker, Fluchtwillige und Verdächtige der Spionage saßen hinter den Mauern der Anstalt.

Besonders bekannt ist die JVA Magdeburg für ihre Rolle beim Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Die Proteste in Magdeburg führten dazu, dass das Gefängnis angegriffen wurde. Drei Angehörige des Strafvollzugs wurden dabei getötet, zwei Aufständische später zum Tode verurteilt und hingerichtet.

JVA Magdeburg Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1953

Ausschnitt der Volksstimme vom 19.06.1953

Am 19. Juni 1953 wurde in einer Bekanntmachung des Militärkommandanten auf der ersten Seite der Volksstimme mitgeteilt, dass die zwei Magdeburger Dartsch und Stauch hingerichtet wurden.

Das DDR-Gefängnis: Strafvollzug und politische Haft (1953–1989)

Während der DDR-Zeit diente die JVA Magdeburg weiterhin als reguläres Gefängnis, doch politische Gefangene spielten eine zentrale Rolle. Die Stasi nutzte Teile des Gebäudes für Verhöre und Überwachungen. Die Bedingungen waren hart: Überbelegung, schlechte Hygiene und strenge Disziplinarmaßnahmen waren an der Tagesordnung.

Ab den 1970er-Jahren gab es einige Reformen, doch erst mit der Wende 1989 endete diese Ära. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurde das Gefängnis modernisiert, und die Haftbedingungen verbesserten sich deutlich.

Das Ende als Justizvollzugsanstalt (2013 – heute)

Trotz der Modernisierungen entschied die Landesregierung 2013, die JVA Magdeburg endgültig zu schließen. Die verbliebenen 200 Gefangenen wurden in die neu errichtete JVA Burg verlegt. Am 1. September 2013 wurde die Anstalt offiziell aufgegeben.

Doch das Gebäude verfiel nicht: Heute wird es vom Landesbetrieb Bau- und Liegenschaftsmanagement Sachsen-Anhalt verwaltet und für Kulturveranstaltungen, Festivals und Filmproduktionen genutzt.

Die ehemalige JVA Magdeburg diente bereits mehrfach als Drehort für Film- und Fernsehproduktionen, darunter auch für den beliebten „Tatort“. Auch Fotografen und Künstler nutzen das eindrucksvolle Gebäude als Kulisse für ihre Werke.

Die JVA Magdeburg als Lost Place – ein geschichtsträchtiger Ort zum Erkunden

Heute zählt die ehemalige Justizvollzugsanstalt zu den interessantesten Lost Places Magdeburgs. Ihre dunklen Flure, verlassenen Zellen und historischen Mauern erzählen noch immer Geschichten von Verbrechen, Widerstand und Wandel.

Ob als Filmkulisse, für Führungen oder als Mahnmal der Vergangenheit – dieser Ort bleibt ein faszinierender Bestandteil der Magdeburger Geschichte. Wer sich für die bewegte Vergangenheit der Stadt interessiert, sollte sich diesen einzigartigen Ort nicht entgehen lassen.

Quellen:

  • JVA Burg
  • Chronik der JVA Magdeburg (Förderverein der Justizanstalt Magdeburg e.V., Antje Kühn)

Direktoren der Justizvollzugsanstalt Magdeburg von 1905 bis heute:

  • 1905 bis 1910: Gefängnisdirektor Clodius
  • 1911 bis 1920: Freiherr von Maltzahn
  • 1920 bis 1922: Dr. Kiesche
  • 1922 bis 1923: Staatsanwalt Dr. Steimer
  • 1923 bis 1924: Dr. Leuwark
  • 1924 bis 1925: W. Schmidt
  • 1925 bis 1926: Dr. Dieckmann
  • 1926 bis 1931: Schneidewind
  • 1931 bis 1933: Hohner
  • 1933 bis 1937: Biesenthal
  • 1937 bis 1940: Regierungsrat Dr. Knobloch
  • 1940 bis 1941: Regierungsrat Büchner
  • 1941 bis März 1945: Regierungsrat Dr. Weber
  • Mai 1945 bis 14. Juni 1945: Regierungsrat Richter
  • Juni 1945 bis 23. Juli 1945: Regierungsrat Biesenthal
  • 1. September 1945 bis 31. Oktober 1945: Oberregierungsrat Wolfgramm
  • 1946 bis 1948: Oberstleutnant Lubertschenko
  • 1948 bis 1949: Oberst Dobrotin
  • 1949: Krause
  • 1950: Fiedler
  • 1951 bis 1955: Polizeirat Braun(?)
  • 1955 bis 1966: Major Schneider
  • 1966 bis 1972: Major Dauer
  • 1972 bis 1984: Oberstleutnant Squarra
  • 1984 bis 1989: Oberstleutnant Kalkbrenner
  • 1989 bis Dezember 1991: Major Anton
  • Dezember 1990 bis 2009: Regierungsdirektor Krygier
  • Mai 2009 bis 2011: Am 01.05.2009  übernahm Holger Johannes Lüth die Leitung der neu gegründeten JVA Burg.
    • Gleichzeitig wurde die JVA Magdeburg als Abteilung für den offenen Vollzug in deren Aufgabenbereich integriert.
  • Januar 2011 bis 2017: Thomas Wurzel
  • Seit Sommer 2017: Ulrike Hagemann

Tipp: Die ehemalige JVA Magdeburg virtuell besuchen